Warum ein Audiorundgang?

Wie seid ihr auf die Idee gekommen, eine Audio-App zu machen?

Einige von uns hören unheimlich gern Hörspiele. Die konkrete Idee stammt aber von einem Rundgang am Kudamm, wo es eine Audioapp zur Geschichte des Kudammpogroms 1931 gibt. Die Möglichkeit, historische Zeugnisse und Narrative zu einem bestimmten Ort zu hören und sich gleichzeitig zu Fuß an diesem Ort zu bewegen und somit die Erzählung mit dem heute Sichtbaren vergleichen zu können, erschien uns als spannende Idee. Nicht zuletzt, um Geschichte auch etwas attraktiver vermitteln zu können.

Für wen ist die Audio-App gedacht?

Die Audio-App ist von jung bis alt für alle Menschen gedacht, die sich für das Jüdische Leben in Prenzlauer Berg und allgemein die Alltagsgeschichte der 1920er und 1930er Jahre interessieren und die mehr dazu erfahren wollen.

Können auch Menschen ohne Smartphone die Inhalte hören?

Es ist auch möglich, die Audiodateien auf einen MP3-Player herunterzuladen und mit unserer Übersichtskarte die Stationen zu erkunden.

Hat der Audio-Rundgang einen Anfang und ein Ende? Gibt es also eine festgelegte Route?

Es gibt keine festgelegte Route, der gefolgt werden muss. Die Hörstationen erzählen die Erlebnisse von Leonore Samuel, Simon Mandel, Ditmar Danelius, Max Nesher und Walter Frankenstein, die zu dieser Zeit in Prenzlauer Berg gewohnt haben. Ihre Wege kreuzen sich zum Teil, etwa in der Schule in der Rykestraße. Uns war es wichtig, dass die Stationen ohne eine vorgegebene Chronologie funktionieren – über die jeweiligen Erzählungen der Protagonist_innen verdichten sich die Bilder und Geschichten zum Prenzlauer Berg der 1920er und 1930er Jahre während des Rundgangs zunehmend. Der Audio-Rundgang kann an einer beliebigen Stelle beginnen und du kannst auch an einer beliebigen Stelle damit aufhören. Die Audio-Dateien werden immer dann per GPS auf dein Smartphone geladen, wenn du an eine Stelle kommst, an der es Informationen zum jüdischen Leben am Prenzlauer Berg gibt.

Warum habt ihr euch für die Gegend um den Kollwitzplatz am Prenzlauer Berg entschieden?

Rund um den Kollwitzplatz lebten zu dieser Zeit viele Jüdinnen und Juden. Damit Menschen, die sich für das Thema interessieren, sich nicht in Prenzlauer Berg die Füße wund laufen müssen, um etwas zu erfahren, haben wir uns auf die Gegend beschränkt, zu der wir viele Geschichten hatten.

Wieso stehen vor allem einzelne Biografien im Mittelpunkt?

Die Geschichte jüdischen Lebens in Prenzlauer Berg ist vielseitig, was auch durch verschiedene Buchpublikationen und thematische Führungen deutlich wird. Bisher fokussierten sich die bestehenden Materialien und Angebote vor allem auf jüdische Institutionen. Unser Anliegen ist es, aber eine Audioführung anzubieten, die Geschichten aus dem Leben verschiedener jüdischer Personen nachzeichnet. Wir wollen Alltagsgeschichte erzählen.
Am Ende entsteht ein differenziertes Bild der jeweiligen Person, das durch verschiedene Perspektiven auf die damalige Gesellschaft ergänzt wird und einen Eindruck vom jüdischen Leben im Bezirk vermittelt. Während sich die Biografien auf den Bezirk in den 1920er und 1930er Jahren konzentrieren, sind zusätzlich einzelne, jüngere Perspektiven abgebildet, die auch geschichtliche Kontinuitäten verdeutlichen. Die Auswahl der einzelnen Audio-Stationen ergibt sich aus den interessanten 'Geschichten' jeder einzelnen Biografie, die räumlich mit dem jeweiligen Ort verknüpft sind. Bei der Auswahl der Inhalte der verschiedenen Audiostationen wurde im Wesentlichen auf bereits geführte Zeitzeug_inneninterviews im Archiv sowie Buchpublikationen des Museums Pankows zurückgegriffen.

Wieso wolltet ihr ausgerechnet die Geschichten von diesen Menschen erzählen?

Wir haben uns jene Biografien ausgesucht, die die meisten Beschreibungen, auch von der Umgebung und dem kulturellen und sozialen Leben in Prenzlauer Berg, wiedergeben. Wo waren welche Geschäfte, Kinos, Theater, Cafés, Schulen und und und? Anhand dieser Biografien und deren Erzählungen können wir so das Leben damals greifbarer machen.

Warum jüdisches Leben?

Das jüdische Leben war Teil des deutschen Alltags und dieser Teil war auch selbstverständlich. Durch den Nationalsozialismus und die Shoah ist dieser Alltag für viele nicht-jüdische Deutsche heute weder selbstverständlich noch existent. Viele der Berliner Jüdinnen und Juden, die die Shoah überlebt hatten, haben sich dann auch entschieden, nicht mehr nach Berlin zurückzukehren, sondern auszuwandern. Das bedeutet, dass ein wichtiger kultureller, religiöser und sozialer Teil in Berlin unwiederbringlich zerstört wurde und dadurch verschwunden ist. Durch unseren Audio-Rundgang wollen wir diese Zerstörung wieder sichtbar machen.

Wieso hören wir vor allem die Geschichten von Menschen, die damals noch Kinder waren?

Die Geschichten basieren auf Interviews, die größtenteils Mitte der 1990er Jahre geführt wurden. Die meisten Menschen, die zu dieser Zeit noch lebten, waren dann auch schon im Rentenalter, aber während der 1920er und 1930er Jahre entweder selbst noch Kinder oder sehr junge Erwachsene. Es hat auch etwas mit verschobenen Interessen der historischen Forschung zu tun. Während der DDR wurde vor allem zu Menschen aus dem antifaschistischen Widerstand geforscht. Viele jüdische Erwachsene, die während der 1920er und 1930er Jahre in Prenzlauer Berg lebten, überlebten die Shoah nicht. Diese Stimmen und Geschichten sind unwiederbringlich verloren und verstummt, aber wir kennen ihre Geschichte über die Perspektive ihrer Kinder.

Warum habt ihr euch für die Zeit der 1920er und 1930er Jahre entschieden?

Um zu verdeutlichen, dass es vor 1933 ein reges und vielfältiges jüdisches Leben gegeben hat, das heute so nicht mehr sichtbar ist, haben wir uns Biografien und Erzählungen angenommen, die noch davon berichten können.
Durch die biografischen Quellen (Interviews und Publikationen) wollen wir durch den zeitlichen Fokus auf die 1920er und 1930er Jahre Zugänge und Perspektiven auf das jüdische Leben in Prenzlauer Berg entwickeln, die eine soziale Verwobenheit der einzelnen Geschichten mit dem alltäglichen Leben damals aufzeigt. Dabei wollen wir vor allem eine vielfältige Perspektive auf das jüdische Leben während dieser Zeit ermöglichen.